WISSENSCHAFTEN

 

Das Tierbild in diversen
wissenschaftlichen Disziplinen


Wissenschaftliche Disziplinen, in denen nichtmenschliche Tiere auf direkte oder indirekte Weise eine Rolle spielen, kreieren spezifische Perspektiven auf tierliche Lebewesen. Der interdisziplinäre Forschungszweig der Human-Animal Studies hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Positionierungen von menschlichen und nichtmenschlichen Lebewesen in gesellschaftlichen Gefügen zu untersuchen. Fundamental für diese Forschungsperspektive ist die Zuerkennung eines intrinsischen Wertes an nichtmenschliche Tiere und die Betrachtung von diesen als autonome koexistierende Lebewesen. In anderen wissenschaftlichen Disziplinen stoßen wir auf bislang weitgehend unhinterfragte anthropozentrische Grundannahmen. Eine der Disziplinen, für die das besonders gilt, ist die Agrarökonomie.  

Im Folgenden wird – aufbauend auf einer Diskursanalyse agrarökonomischer Lehrbücher – das vorherrschende Tierbild erläutert. Dazu verdeutlichen Auszüge aus dem agrarökonomischen Standardwerk 'Tierproduktion: Nutztiere züchten, halten und ernähren', die in der Disziplin einschlägige speziesistische Perspektive.

zur Verdinglichung von nichtmenschlichen Individuen in der Agrarökonomie

Illustration: Jalal Maghout
 
Die Fachsprache der Agrarökonomie zeigt eine permanente Verdinglichung von nichtmenschlichen Tieren als Produktionsmittel. Subjektivität, Empfindungsfähigkeit sowie das Zeigen von individuellen Abneigungen und Präferenzen von tierlichen Lebewesen, werden konsequent ausgeblendet. Dies führt dazu, dass nichtmenschliche Tiere nicht als Individuen mit eigenem Charakter, sondern als Produkte gesehen werden, deren Konsum legitim ist. So wie der aktuelle Stand des Verhältnisses der Gesellschaft zu tierlichen Individuen von absoluter Herrschaft gekennzeichnet ist, spiegelt sich diese Darstellung in dem agrarökonomischen Diskurs wider (vgl. Sauerberg/Wierzbitza 2013:92). Reflexion über die Legitimität der Unterwerfung von nichtmenschlichen Tieren und die Legitimität des Benutzens von tierlichen Individuen unter den gegebenen gesellschaftlichen, ökologischen und technischen Umständen, fließen nicht in den fachlichen Diskurs ein. 

Der agrarökonomische Diskurs ist tief von Schemata geprägt, die tierliche Individuen als Objekte und Produkte einordnen


Für die Agrarökonomie, die sich die Sprache der Betriebswirtschaft angeeignet hat, scheint zu gelten, was Foucault an Teilen der Wissenschaft kritisiert hat: 
Sie ist vor allem Auswurf einer Ideologie der politischen Ökonomie. Keine Wissenschaft im eigentlichen Sinne. Das Wirken von Ideologien ist laut Foucault zwar kein Grund, einer wissenschaftlichen Disziplin gänzliches Irrtum oder mangelnde Objektivität zu unterstellen. Jedoch lässt sich in ihren theoretischen Mängeln und Widersprüchen die Wirkung einer bestimmten Ideologie erkennen (ebd. 90).
Jene Widersprüchlichkeit, welche auf die nicht ausreichend kritisch hinterfragte ideologische Prägung einer Denkschule hinweist, verdeutlicht sich bereits im ersten Kapitel der agrarökonomischen Lehrpublikation 'Tierproduktion'. Die fehlende gesellschaftliche Einverständnis, wird als 'Unverständnis', also als ein Mangel an Kenntnis abgetan. Dazu wird, trotz der direkten Hervorhebung der 'grundlegenden Unterscheidung zwischen der Tierproduktion und anderen Produktionsbereichen', gefordert, die Maßstäbe der Industrien anzusetzen deren 'Rohstoffe' unlebendig sind. So heißt es:

Trotz des Bewusstseins über die grundlegende Unterscheidung zu anderen Produktionsbereichen, werden die moralischen Implikationen, die sich aus dieser Differenz ergeben, nicht besprochen. Zwar führt das Lehrbuch in seiner 15. Auflage erstmals ein eigenes Kapitel mit dem Titel "Tierwohl und Tiergesundheit", jedoch werden an genau dieser Stelle die Formulierungen des Tierschutzgesetzes vorgestellt, welche zwar gesellschaftlich umstritten sind, aber die legislativen Schlupflöcher für Praktiken bieten, die Schmerz, Leid und Tod bedeuten. In § 1 Tierschutzgesetz (TierSchG) heißt es, dass niemand einem nichtmenschlichen Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Die Autoren halten dazu fest, dass „bei Vorliegen eines vernünftigen Grundes nachteilige Einwirkungen auf Tiere (Schmerzen, Leiden, Schäden) durchaus zulässig sind“. In Bezug auf §2 TierSchG, indem es heißt, dass wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, es seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen muss, schreiben die Autoren, dass „[d]urch ‚angemessen‘ […] auch hier verdeutlicht [wird], dass die vorgenannten Erfordernisse einer Abwägung des Tierschutzes mit dem Nutzungszweck der Tiere und der Zumutbarkeit der Anforderungen für den Tierhalter oder -betreuer unterliegen“ (Bellof/Granz 2019:293). Der stete Vorrang einer Denkweise die moralische Aspekte wirtschaftlichen Aspekte unterwirft, deutet auf jenes ideologische Funktionieren, welches die für eine Scheinwissenschaft markanten Mängel und Widersprüche im Denken entstehen lässt. 
Die folgenden Zitate verdeutlichen die vollkommene Unterwerfung der tierlichen Lebewesen unter eine auf Kostenminimierung und Gewinnsteigerung ausgelegte Wirtschaftsweise. Der Wert des Lebens eines jeden tierlichen Individuums wird ausgeblendet und die sprachliche Behandlung lässt kaum noch erkennen, dass hier nicht von Gegenständen, sondern von fühlenden Lebewesen die Rede ist. Durch sprachliche Distanzierung, Abwertung und Technisierung gegenüber den Unterworfenen, sowie die anscheinende Autorisierung, die sich durch die Form einer wissenschaftlichen Disziplin ergibt, wird die Misshandlung letztendlich normalisiert.
In der Diskursanalyse agrarökonomischer Lehrbücher heißt es dazu abschließend: 

„Erkennt die Wissenschaft oder der Diskurs diese Irrtümer, kann sie ihre Stränge zur politischen Ökonomie lösen und ihre Falschheiten korrigieren. Im Hinblick auf die Agrarwissenschaft würde dies bedeuten, dass sie das Verhältnis der Menschen zu den Tieren, und die Legitimität der Unterwerfung der Tiere und ihres Lebens unter die menschlichen Bedürfnisse kritisch reflektiert. Die Agrarwissenschaft ist allerdings so eng mit der Ökonomie verbunden, dass die Verknüpfung der Stränge kaum zu übersehen ist“ (Sauerberg/Wierzbitza 2013:90).


LITERATUR UND QUELLEN ZUM NACHLESEN


Bellof, Gerhard/Granz, Susanne (Hrsg.): Tierproduktion. Nutztiere züchten, halten und ernähren. 15. Auflage. Stuttgart: 2019.
Sauerberg, Achim/Wierzbitza, Stefan: "Das Tierbild in der Agrarökonomie. Eine Diskursanalyse zum Mensch-Tier-Verhältnis." In: Pfau-Effinger, Birgit/Buschka, Sonja: Gesellschaft und Tiere. Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis. Wiesbaden: 2013, S. 73-96. 
Spannring, Reingard/Schachinger, Karin/Kompatscher, Gabriela /Boucabeille, Alejandro (Hrsg.): Disziplinierte Tiere? Perspektiven der Human Animal Studies. Bielefeld: 2015.