UTOPIEN

 

EIN VEGANES DEUTSCHLAND
– ZUKUNFT ODER UTOPIE?

Illustration: Sophie Boche

Illustration: Sophie Boche

Sich ein veganes Deutschland vorzustellen, mag für manche Personen unvorstellbar sein. Mit einem Gedankenexperiment möchten wir deshalb visualisieren, wie ein veganes Deutschland aussehen könnte. 
Stellen wir uns vor, wir leben im Jahre 2060 – wir sind umgeben von veganen Lebenswelten. Was ist anders? Welchen Menschen begegnen wir? Was konsumieren wir? – Und wie kann eine Welt ohne Fleisch- und Tierindustrie möglich sein?
Stellen wir uns vor, wir leben in einer Welt, in der Tier- und Fleischprodukte nicht mehr existieren. Einer Welt, in der nichtmenschliche Tiere nicht mehr für den Zweck des Menschen gefoltert, eingesperrt und getötet werden. Es ist 07.30 Uhr: Wir stehen auf, werfen unsere Bettdecke neben uns und fühlen uns gut. Denn weder für unsere kuschelige Bettdecke noch für unsere Hausschuhe, wurden nichtmenschliche Tiere getötet – denn die sogenannte ‘Massentierhaltung’ (besser: Tiernutzungsindustrie) gibt es nicht mehr.  

Also schlüpfen wir in unseren nachhaltigen Lyocell-Bademantel (einer Naturfaser, die aus Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaftt besteht) und machen uns einen Tee. Kuhmilch gibt es nicht mehr – stattdessen greifen wir zu unserer Erbsenmilch. Mit unserem frischgebrühten Tee in der Hand gehen wir in Richtung Garten. Wir leben in einer Gemeinschaft, in der wir als Community mit unseren Nachbarn daran arbeiten, möglichst ökologisch nachhaltig und vegan zu leben. Unser Garten ist darauf ausgelegt, uns selbst zu versorgen. Wir benötigen kaum noch Lebensmittel aus wirtschaftlicher Hand. Unsere nichtmenschlichen Tiere leben mit uns gemeinsam zusammen. Wir halten sie aus Freude an der Gemeinschaft, und um unseren Kindern ein Leben im Einklang mit der Natur zu bieten. Die Kinder sind verrückt nach unseren Schweinen und Kühen, aber besonders haben es ihnen die kleinen Küken angetan. Manche von ihnen leben auch bei uns im Haus, je nachdem ob sie gerade auf der Weide sein wollen oder doch lieber bei uns Menschen. 
Aus heutiger Perspektive mag man es sich kaum erträumen, doch viele Menschen leben jetzt so. Nach dem großen Erdkollaps - und der dritten Pandemie, der noch etliche hätten folgen müssen - wurde die Abschaffung des kapitalistischen Wirtschaftssystems eingeleitet. 

Ihr fragt euch, wie das möglich war? Unsere Erde war am Ende - ihre Ressourcen waren aufgebraucht. Überall herrschte Wasserknappheit. Es war nicht mehr möglich uns alle zu versorgen, Acker konnten nicht mehr bewirtschaftet werden, unsere Tiere starben und der Regenwald war kaum noch existent. Also war die Regierung nach Jahrzehnten des antikapitalistischen Protests gezwungen zu reagieren. Sie erließen freie Gesetze, krempelten das Wirtschaftssystem um und versuchten irgendwie zu retten was noch zu retten war. Nach und nach änderte sich etwas. Die Menschen hatten verstanden, dass sie mit ihrer Lebensweise und ihrer Ernährung unsere Welt zu Grunde richteten. 

Doch werfen wir lieber einen Blick auf das Jetzt - und nicht auf die Vergangenheit. Die für die Tierfutter gerodeten Soja-Anbauflächen sind heute nur noch für die pflanzliche Ernährung für uns Menschen gedacht. Mit dem Nahrungsmittel der Sojabohnen können wir endlich alle Bewohner:innen unseres Planeten versorgen. Die Regenwald-Rodung wurde gestoppt, denn wir haben immer noch  reichlich Ackerflächen zur Verfügung, die sich erst erholen müssen. Die sogenannten ‘Nutztiere’ (wirtschaftlich be/genutzte Tiere), die damals 90% des Sojaanbaus erhielten, können heute wieder frei auf Wiesen und ungezwungen Flächen leben. Die Hühner und Schweine, die so lange Zeit in der Tiernutzungsindustrie gequält und schlecht behandelt wurden, können endlich ein Leben in Frieden leben. Sie können sich frei auf unserer Erde bewegen, ohne dass die Menschen sich diese zu Nutzen machen.    

Wer hätte das gedacht - dass die Menschen wirklich irgendwann begreifen würden, dass sie ihre Umwelt und ihren Planeten und mit ihr ihre einzige Lebensgrundlage zerstören?

Ein Blick in die Zukunft - ob Utopie, Dystopie oder Realität - ist für uns alle ein notwendiges und unerlässliches Unterfangen. Und wer jetzt immer noch denkt, dass eine vegane oder zumindest  tiergerechtere Welt reine Utopie sei, sollte sich bewusst machen: Wir haben nur ein Leben und eine Welt - also passt gut auf sie auf und geht sorgsam mit ihr um.


EIN SCHWEIN, EIN LEBEN, EIN LEID
– EIN PERSPEKTIVWECHSEL

Illustration: Sophie Boche

Illustration: Sophie Boche

Ich bin ein Schwein - man könnte meinen ein ganz gewöhnliches Schwein. Doch gewöhnlich bin ich nicht, denn ich spreche die Sprache der Menschen. Ich verstehe sie, doch sie verstehen mich nicht. Deshalb möchte ich Euch mitnehmen in meine Welt - einer Welt, in der viel Leid herrscht, seitdem ich denken kann.    

Ich bin jetzt etwa 3 Monate alt. Nur einen Monat nach meiner Geburt haben mich die Menschen von meiner Mama und meinen Geschwistern getrennt. Ob meine Mama noch lebt, ist ungewiss. Seitdem sie mich von ihr getrennt haben, habe ich sie nie wieder gesehen. Ich weiß, dass ich gerne länger bei ihr geblieben wäre – doch es war so eng und dreckig und manche meiner Geschwister waren so schwach, dass sie sich irgendwann nicht einmal mehr bewegten. Mama sagte zu uns, sie seien jetzt im Himmel. Sie sagte, dort hätten sie ein besseres Leben. Ein Leben wie auch wir es verdient hätten. Dann schaute sie mich traurig an und versuchte mich zu trösten, denn sie wusste, dass ich meine Geschwister gerne bei mir gehabt hätte. Mama war immer so liebevoll zu uns, auch wenn wir nicht viel Zeit zusammen hatten.  
Doch zumindest meine Geschwister sind immer in meiner Nähe. Sie leben mit mir und vielen anderen Schweinen zusammen. Es ist zwar unser Zuhause – und doch fühlt es sich an wie eine Hölle aus Gittern. Hier ist es dreckig, laut und eng. Wir haben kaum Platz, um uns zu bewegen und keine Möglichkeiten miteinander zu spielen. Tageslicht sehen wir keines. Auf die grüne Wiese nebenan dürfen wir nicht. Keiner von uns hat je das Gras unter seinen Klauen gespürt. Wir sind jeden Tag eingesperrt und leben in einem Gefängnis aus Dreck und Verzweiflung. 

Solange ich denken kann, ist es so gewesen.
Und doch gibt es Tage, da frage ich mich, wie das Leben wohl sein mag, wenn man nicht in Gefangenschaft geboren wurde. Und ob es überhaupt so etwas gibt? Dann stelle ich mir vor, wie es sich anfühlen muss, auf der Wiese nebenan zu spielen und sich mit den anderen auf dem Boden zu suhlen. Wie es sich anfühlen muss, das Gras unter den Klauen zu spüren? Wie es sich anfühlen muss, sich ganz frei zu bewegen?  

Und dann gibt es Tage, die mich wieder in die Realität zurückholen. Tage, an denen ich mich frage, warum ich überhaupt hier bin. Tage, an 
 
denen ich mich frage, was die Menschen sonst noch mit mir vorhaben. 

Denn als ich etwa zwei Wochen alt war, kamen die Menschen und haben mir unendliche Schmerzen zugefügt. Sie haben mir mit angsteinflößenden Geräten meine Zähne abgeschliffen, und dann haben sie meinen Schwanz amputiert – und das alles, ohne mir etwas gegen die Schmerzen zu geben, die so stark waren, dass ich kurz davor war ohnmächtig zu werden. Danach haben sie mich wieder weggesperrt zu meinen Geschwistern und dann haben sie nach und nach jeden einzelnen von uns mitgenommen. Wir alle hatten qualvolle Schmerzen, wir haben geschrien, uns versucht zu wehren – doch helfen wollte uns niemand. Es dauerte einige Wochen, bis die Schmerzen besser wurden, bis mir nicht mehr bei jeder Bewegung qualvolle Schmerzen durch den Körper fuhren.   

Und dann passierte etwas, das ich bis heute nicht richtig verstehe. Die Menschen kamen und nahmen einige meiner Freund:innen mit. Erst wurden die Ältesten mitgenommen und dann die Mittleren. Seitdem habe ich auch sie nie wieder gesehen. Sie fehlen mir alle jeden Tag. Mimi fehlt mir besonders, sie ist meine älteste Freundin. Mit ihr habe ich immer am liebsten Zeit verbracht. Mimi und ich haben immer zusammen gespielt und wir haben uns gegenseitig gewärmt, wenn die Nächte eisig wurden. Ich hoffe, es geht ihr gut und sie erlebt endlich, was es bedeutet frei zu sein. Ich hoffe, dass sie ein besseres Leben lebt als in unserem Zuhause. Dass sie erfährt, wie es ist das Gras unter ihren Klauen zu spüren und ein Leben in Freiheit zu führen. Ein Leben, dass ich mir so sehr für mich und all die anderen wünsche.    

Mit diesem Text möchten wir zeigen, wie wichtig es ist, die Welt mit Hilfe eines Perspektivwechsels zu begreifen. Insbesondere im Hinblick auf die Tiernutzungsindustrie können wir durch einen Perspektivwechsel lernen, das Wesen, Gefühle und Emotionen von nichtmenschlichen Tieren in unser Denken miteinzubeziehen. Denn nur so erkennen wir, dass wir uns nicht wirklich von nichtmenschlichen Lebewesen unterscheiden – denn genau wie sie, Denken und Fühlen auch wir. 


 


ZOOPOLIS: EIN GEDANKENEXPERIMENT ZUR POLITISCHEN THEORIE FÜR DIE RECHTE VON NICHTMENSCHLICHEN TIEREN (VON WILL KYMLICKA & SUE DONALDSON)


Zoopolis ist ein Gegenentwurf zur politischen Theorie für die Rechte von nichtmenschlichen Tieren. Wenn wir uns mit Fragen einer tiernutzungsfreien Welt auseinandersetzen, müssen wir auch im Blick haben wie wir mit nichtmenschlichen Tieren umgehen, die wir über Jahrtausende in Gefangenschaft gehalten, unterdrückt, ausgebeutet und domestiziert haben (vgl. Donaldson 2021:181 f.). Schließlich steht es in unserer ethischen und moralischen Pflicht auszuarbeiten, wie befreite Tiere in einer Welt ohne Tiernutzung leben können: Indem wir domestizierten Lebewesen das Recht auf Staatsbürgerschaft gewährleisten, diese also als vollwertige Mitbürger:innen unserer Gesellschaft auch auf rechtlicher Ebene anerkennen oder sogenannte 'Wildtiere' als Mitglieder einer souveränen Gesellschaft zuordnen – also die völkerrechtliche Anerkennung ihres eigenen Territoriums und ihrer Autonomie (ebd.). Ein "Gesetz der Völker" sollte dafür etabliert werden, dass die friedliche und gewaltfreie Koexistenz und Kohabitation zwischen menschlichen Lebewesen und tierlichen 'Wildtier'-Gemeinschaften garantiert. (ebd. 183). Für nichtmenschliche Tiere, die im Schwellenbereich existieren (also Lebewesen wie Eichhörnchen, Waschbären, Ratten, Mäusen, Tauben und 'Straßenhunde') soll eine andere rechtliche Grundlage gelten, da gerade diese nichtmenschlich Individuen als Fremdlinge und Eindringlinge täglichen menschlichen Gewalterfahrungen und Misshandlungen ausgesetzt sind und diese in direktem Kontakt mit uns Menschen leben. Was es für den Schutz dieser nichtmenschlichen Lebewesen braucht, ist ein geschützter Einwohnerstatus, der garantiert dass diese vor "unserer Gewalt, unserer Missachtung ihrer Interessen und unserer Weigerung, ihre Rechte auf einen Aufenthaltsort zu beachten, geschützt werden" (Donaldson 2021:183).   
Mit Zoopolis wagen die Autor:innen Donaldson und Kymlicka ein interessantes Gedankenexperiment, das reflektiert und moralisch mit den Bedürfnissen und Wohlergehen von nichtmenschlichen Individuen umgeht, und deren Anerkennung und Schutz als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft auch auf legislativer Ebene garantiert. 
  

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Donaldson, Sue / Kymlicka, Will: Zoopolis. A Political Theory of Animal Rights. Oxford. (Dt.: Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte). Frankfurt a.M.: 2011.

Donaldson, Sue:  “Standpunkt: Zoopolis - Grundzüge einer Theorie der Tierrechte.” In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Dossier Bioethik, 2021, S. 180-184.