SPRACHE

 

SPEZIESISTISCHE SPRACHE:
WIE WIR NICHTMENSCHLICHE TIERE
DURCH SPRACHE DISKRIMINIEREN

“Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.” 
- Ludwig Wittgenstein (In: Joy 2014:24)

Die Verwendung von speziesistischer Sprache – also diskriminierender Sprache gegenüber nichtmenschlichen Tieren – wird bisher im öffentlichen Diskurs wenig thematisiert und problematisiert. Dabei lernen wir bereits im Kindesalter, karnistische Konventionen, also nichtmenschliche Tiere in essbare und nicht-essbare Tiere zu differenzieren, und eignen uns eine  anthropozentrische und speziesistische Sprache an (vgl. Joy 2014: 32, 133 ff.). 
Da Sprache nicht nur das Kommunikationsmedium der Menschen, sondern auch ein Abbild von Wirklichkeit ist, manifestieren sich in Sprachpraktiken gesellschaftliche Machtverhältnisse. Insbesondere in der Mensch-'Tier'-Beziehung wird dies auch anhand von sprachlichen Diskriminierungen und Normalisierungs-, Rationalisierungs- und Distanzierungsstrategien ersichtlich (vgl. Hagendorff 2021:98 ff.). Doch wie wirken diese sprachlichen Strategien bzw. Mechanismen und welche Begriffe in unserer gewohnheitsmäßigen Sprache sind überhaupt tierdiskriminierend?

IDEOLOGIE

Dem Mensch-'Tier'-Verhältnis liegt eine grundsätzliche ideologisch geprägte Perspektive auf nichtmenschliche Tiere zu Grunde, die auf dem allgemeinen Verständnis beruht, dass nichtmenschliche Lebewesen zum Nutzen des Menschen existieren – dass es ihre Aufgabe oder ihr Wunsch sei, Produkte für den Menschen zu produzieren (vgl. Joy 2014:32 ff.). Dieses Narrativ benutzen vor allem die Lobbyverbände und Konzerne der Agrar- und Tierindustrie als strategisches Mittel in ihrer Öffentlichkeitsarbeit, um die Gefangenschaft, die Folterung und das Leiden von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren als gerechtfertigt erscheinen zu lassen (ebd., vgl. Animal Rights Watch 2019). 

Dieses Narrativ drückt sich nicht nur in der ideologisch geprägten Sichtweise auf tierliche Individuen aus, sondern insbesondere durch Sprache: So wird beispielsweise das Bild einer Kuh konstruiert, die „Milch gibt“ für die Nahrungsaufnahme des Menschen. Tatsächlich wahr ist jedoch nur, dass die Kuh Milch in ihrem Euter produziert, um ihr Kalb damit zu ernähren (vgl. Animal Rights Watch 2019). Der Mensch jedoch macht sich die Kuh zu einem wirtschaftlichen Nutzen und konstruiert diese mittels Werbe- und Marketingmaßnahmen als ökonomisches Produkt – während er der Kuh genau diese für das Kalb bestimmte Milch wegnimmt und diese verkauft (ebd.). Dieses Beispiel veranschaulicht, wie durch Sprache bei offensichtlichen Prozessen der Tierausbeutung, eine gewisse Form der Natürlichkeit und Freiwilligkeit der tierlichen Individuen vorgetäuscht wird. Diese ideologisch geprägte Sprache ist auch in Formulierungen wie 'Schweine bringen eine gute Mastleistung' oder 'Hühner versorgen uns mit Eiern' ersichtlich (ebd., vgl. Revlektor 2020.).
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ABWERTUNG

Eine der Hauptstrategien, um eine distanzierte und normalisierte Perspektive auf die Ausbeutung und Tötung von nichtmenschlichen Tieren herzustellen, ist die sprachliche Abwertung von jenen Individuen (vgl. Hagendorff 2021:98 ff.). Wissenschaftlich belegt ist dabei aus sozialpsychologischer Sicht, dass Menschen, die anderen Lebewesen Leid zufügen, ihre Opfer in der Regel abwerten. Die Abwertung von tierlichen Lebewesen gründet sich daher in der Regel in der Rechtfertigung für das Zufügen von Leid gegenüber jenen Individuen – und erleichtert gleichermaßen das Gewissen der Konsument:innen (vgl. Mahlke 2013:45-48). Dabei spielt insbesondere die klare Unterscheidung zwischen Tier und Mensch auch hinsichtlich unserer Sprache eine zentrale Rolle: Denn durch diese konstruierte Differenz verfremden wir die beim nichtmenschlichen Tier und Menschen analogen Vorgänge und Lebensaktivitäten, indem wir diese anders als beim Menschen bezeichnen (ebd.). Durch die sprachliche Umbenennung der vitalen Vorgänge bei tierlichen Individuen werden diese sprachlich abgewertet – und so als minderwertig und mechanisch konstruiert (vgl. Heuberger 2017:50, Köhler 2005:152, Mütherich 2009:79,80):

Durch unseren Sprachgebrauch transportieren wir also automatisch immer wieder die Vorstellung von nichtmenschlichen Tieren als untergeordnete Lebewesen, die nicht menschähnlich sind und deswegen ausgebeutet werden dürfen. Dies zeigt sich vor allem an Begriffen, die wir in unserem Alltag häufig unhinterfragt nutzen: Menschen 'essen', nichtmenschliche Tiere hingegen 'fressen'; weibliche Menschen werden 'schwanger', nichtmenschliche Tiere hingegen werden 'trächtig' und 'werfen/kalben' ihre Jungen - und so weiter (ebd.):

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VERDINGLICHUNG UND OBJEKTIVIERUNG

Diese prekäre Unterscheidung zwischen Menschen und anderen Spezies zeigt sich auch anhand weiterer sprachlicher Normalisierungs-, Rationalisierungs- und Distanzierungsstrategien: Neben der sprachlichen Abwertung von nichtmenschlichen Tieren, gilt es nun die sprachlichen Vorgänge hinsichtlich deren Objektivierung, Entindividualisierung/Anonymisierung, Instrumentalisierung und Beschönigung näher zu reflektieren (vgl. Mahlke 2013:35 ff., Joy 2014:133 ff.). Dabei geht es vor allem darum auf die Reflexion der eigenen Sprache hinzuweisen – und zu sensibilisieren, dass Sprache Macht ist und gerade in Bezug auf die Be-/Ausnutzung und Ausbeutung von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren diskriminierend wirkt. 

Denn durch sprachliche Strategien und Mechanismen werden nichtmenschliche Tiere zu Gegenständen und Objekten gemacht – und auch so behandelt. Auch durch die sprachliche Vergegenständlichung jener Individuen gelingt es dem Menschen sich von dem Tötungsakt der Lebewesen zu distanzieren (vgl. Möller 2007:8, Joy 2014:133-134). Petrus begründet den Prozess der Umwandlung von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren in Nahrungsmittel folgendermaßen: "Unser Unbehagen gegenüber dem Konsum tierlicher Produkte ist umso kleiner, je besser es uns gelingt, aus den Lebewesen hinter diesen Produkten Objekte zu machen, sie eben zu: desubjektivieren." (Petrus zitiert nach Mahlke 2013:36)

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ENTINDIVIDUALISIERUNG/ANONYMISIERUNG

Bei der Strategie der sprachlichen Entindividualisierung werden einzelne tierliche Individuen ausschließlich als Teil einer bestimmten Gruppe betrachtet werden - ohne die jeweiligen Eigenschaften, Charakterzüge und die Persönlichkeit der einzelnen Individuen zu beachten. Durch den Vorgang der sprachlichen Vereinheitlichung und Entindividualisierung von Tierindividuen verschwinden diese in einer homogenen Menge (vgl. Joy 2014:134). Wie Möller beschreibt, werden Gewalthandlungen und die Tötung von nichtmenschlichen Tieren "durch funktional-differenzierte Arbeitsprozesse der sogenannten Tierproduktion in nichtöffentlichen Räumen verborgen. Das tierliche Individuum wird entindividualisiert, anonymisiert, quantifiziert und schließlich entkörperlicht, zerteilt, zugerichtet; so wird jeder Verweisungszusammenhang auf ein ‚Du’ ausgelöscht und ein ‚Ding’ hergestellt." (Möller zitiert nach Mahlke 2013:41-43)

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INSTRUMENTALISIERUNG/KATEGORISIERUNG

Anhand der Strategie der sprachlichen Instrumentalisierung bzw. Kategorisierung lässt sich aufzeigen, wie häufig die Benennungen von tierlichen Lebewesen und Pflanzen aus der Natur entweder direkte und indirekte Zuschreibungen ihrer Nützlichkeit für den Menschen enthalten. Tragischerweise wird anhand der zugeordneten Kategorie bestimmt, inwiefern einem nichtmenschlichen Tier Subjektivität bzw. das Recht auf Leben zugestanden wird oder ob dieses als passives Objekt behandelt und gefoltert wird (vgl. Mahlke 2013:40). Auch die Instrumentalisierung von nichtmenschlichen Tieren ist eine Strategie, um diese Lebewesen zu objektifizieren und sich von diesen emotional zu distanzieren (ebd.). Diese Kategorisierung von nichtmenschlichen Tieren ist nie naturgegeben – sondern Teil der bereits angesprochenen konstruierten Ideologie des Menschen, denn "(d)ie Einteilung in Nutzungskategorien zeige, dass der Mensch Tiere in erster Linie als Warenressource betrachte." (Möller 2007:8)

Neben der Kategorisierung in 'essbare' und 'nichtessbare' Tiere gibt es weitere Kategoriesysteme, die am jeweiligen menschlichen Nutzungsinteresse orientiert sind. Diese sprachliche Kategorisierung lässt sich besonders anhand folgender Begriffe festmachen: Bestimmte nichtmenschliche Tiere werden so den sogenannten 'Nutztieren' (wirtschaftlich be-/genutzten Tieren), andere hingegen werden den sogenannten 'Heimtieren' zugeordnet (vgl. Fill 1993:106, Mahlke 2013:40) Darüber hinaus werden nichtmenschliche Tiere als 'Kutschenpferde', 'Zugtiere', 'Reittiere', 'Jagdhunde', 'Spürhunde', 'Zirkustiere', 'Versuchstiere', 'Milchkühe', 'Masthühner' und so weiter kategorisiert: 
(ebd.)

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BESCHÖNIGUNG

Eine weitere Form der Distanzierung geschieht durch die sprachliche Verharmlosung oder Beschönigung der industriellen 'Tierhaltung' mit Hilfe von Euphemismen. Auch durch beschönigende Begrifflichkeiten soll eine Distanz zum Haltungs- und Tötungsprozess von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren hergestellt werden, indem diese durch Sprache unsichtbar gemacht werden. In Bezug auf die Tier- und Fleischnutzungsindustrie werden häufig Euphemismen verwendet, die die dramatischen Vorgänge hinter der Fleischproduktion als industriell und mechanisch erscheinen lassen, während die Realität – Tierleid, Gewaltausübungen und jegliche unmenschlichen Grausamkeiten gegenüber tierlichen Individuen – verdeckt werden (vgl. Fill 1993:109, Mahlke 2013:44-45). 'Fleisch' ist dabei eine der zentralen beschönigenden Formulierungen: Denn Leichenteile eines tierlichen Lebewesens werden abstrahiert als 'Fleisch', schön verpackt als anonymes Produkt. 'Tierversuch' ist ebenfalls ein euphemistischer Begriff, da er das Quälen und Töten von nichtmenschlichen Tieren zu rein wissenschaftlichen Zwecken beschönigt (vgl. Heuberger 2017:50). 'Fleischproduktion' ist ein Beispiel für eine häufig benutzte Metapher, die zu einer Verdinglichung von nichtmenschlichen Tieren führt, die wie Produkte benutzt, instrumentalisiert und anschließend verkauft werden (ebd.). Weitere beschönigende Begrifflichkeiten sind beispielsweise:
(vgl. Fill 1993:109, Mahlke 2013:44-45)

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LITERATUR UND QUELLEN ZUM NACHLESEN

Animal Rights Watch: Kommunikationsstrategien der Tierindustrie – Ideologie. 07/2019 (Verfügbar unter: https://www.ariwa.org/ideologie/, Zugriff am 25.06.2021).
Fill, Alwin: Ökolinguistik. Eine Einführung. Tübingen: 1993.
Joy, Melanie: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Karnismus - eine Einführung. 4. Aufl. Münster: 2014.
Hagendorff, Thilo: Was sich am Fleisch entscheidet. Über die politische Bedeutung von Tieren. Marburg: 2021.
Heuberger, Reinhard: “Sprachgebrauch. Das Mensch-Tier-Verhältnis aus linguistischer Sicht.” In: Kompatscher-Gufler, Gabriela/Schachinger, Karin/Spannring, Reingard (Hrsg.): Human-Animal-Studies: Eine Einführung für Studierende und Lehrende. Stuttgart: 2017, S. 48-54.
Köhler, Florian Michael: Wohlbefinden landwirtschaftlicher Nutztiere: Naturwissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Einstellungen. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades. Kiel: 2005.
Mahlke, Sandra: Distanzierender Sprachgebrauch in Bezug auf Tiere. Eine kritische Diskursanalyse im Hinblick auf Anthropozentrismus und Speziesismus. Masterarbeit. 2013.
Möller, Christina: „Über die Verführbarkeit der Massen zu Schlächtern der Tiere. Eine Analyse zur Wirkmacht der Werbung." In: Tierbefreiung das aktuelle Tierrechtsmagazin. Heft 57/2007. S. 4-17.
Mütherich, Birgit: „Soziologische Aspekte des Speziesismus." In: Ach, Johann S./Stephany, Martina (Hrsg.): Die Frage nach dem Tier. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Mensch-Tier-Verhältnis. Berlin: 2009, S.75-93.
Petrus, Klaus: "Tiere als fragmentierte Subjekte." 25.01.2013 (Verfügbar unter: https://tier-im-fokus.ch/mensch_und_tier/fragmentierte_subjekte, Zugriff am 25.06.2021).
Revlektor: Speziesistische Sprache: Wie wir Tiere in unserer Alltagssprache diskriminieren. 26.11.2020 (Verfügbar unter: https://revlektor.de/speziesistische-sprache/, Zugriff am 20.06.2021).