Allgemeine Presse

 

DIE KONZEPTUALISIERUNG VOn WIRTSCHAFTLICH
BE-/GENUTZTEN TIEREN IN DER PRESSE


Anhand eines Artikels des 'RBB24', dem Online-Nachrichtenportal des Rundfunk Berlin Brandenburg, wird analysiert, wie Diskurse und Sprache in der Berichterstattung wirken, d.h. welche Diskursfragmente benutzt werden, welche Begriffe tierdiskriminierend sind und was diese Begriffe verschleiern sollen. Die webbasierte Presse wird untersucht, da uns im Zeitalter der Digitalisierung unzählige unkritische und unreflektierte Artikel und Berichte über wirtschaftlich be-/genutzte Tiere begegnen, die unsere Wahrnehmung stark beeinflussen. Im Vergleich zu den Analysen der agrarindustriellen Fachpresse, möchte diese Rubrik eine detaillierte Sprach- und Framingkritik an journalistischen Pressetexten üben. Der analysierte Artikel steht dabei exemplarisch für die Masse an anthropozentrischen und speziesistischen Presse- und Medientexten.  

PRESSE: DIE ANALYSE EINES
‘RBB24’ ARTIKELS

Zur Kontextualisierung

Der vorliegende Artikel 'Viehalter besorgt über Auswirkungen der Geflügelpest' des 'RBB24' wurde ausgewählt, da er als typisches Beispiel für die Aktualität von speziesistischen Berichterstattungen angeführt werden kann. Im Kontext der seit mittlerweile Herbst 2020 anhaltenden 'Geflügelpest' in Brandenburg - der Ausbreitung einer dramatischen Krankheit, die zur Ermordung und Tötung von 1,8 Millionen Puten, Enten und Gänsen in nur einem Jahr führte - ist dieser Artikel einer von vielen speziesistischen Artikeln, die in den letzten Monaten fast wöchentlich erschienen sind. Kritisch zu hinterfragen an diesen Artikeln ist zum einen der Kontext: die Geflügelpest ist eine durch den Menschen (durch die Haltungsbedingungen) provozierte Krankheit, die immer wieder zur Tötung von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren führt. Denn durch die hohe Dichte an tierlichen Individuen auf zu kleinem Raum wird der Entstehung von Tierseuchen und Zoonosen Vorschub geleistet (vgl. Hagendorff 2021:213, Schmidt 2007:47 ff, Wissenschaftliche Dienste 2021:4-9). 

Was vielen Menschen kaum bewusst ist: Die 'Geflügelpest', auch bekannt als 'Vogelgrippe' ist eine hochansteckende Viruserkrankung (mehr unter: Die Normalisierung der gefährlichen 'Vogelgrippe'). In Deutschland trat die 'Geflügelpest' trat das erste Mal 2006 auf, als bei zwei Schwänen das Virus entdeckt wurde. Was folgte war eine öffentliche Hetzjagd in Bezug auf den Ausbruch des Virus, in der Schlagzeilen wie "Schlimmer als Krieg“ oder „Die Killer kommen“ an der Tagesordnung standen (vgl. Salzborn 2007:206). Während die Berichterstattung vor fünfzehn Jahren zu Panik und Angstmacherei in der breiten Öffentlichkeit führte, gehören Tagesmeldungen zu Tierkrankheiten mittlerweile schon fast zu unserem Alltag. Problematisch daran ist also nicht nur wie sich unsere Wahrnehmung in Bezug auf Tierkrankheiten verändert hat, sondern vor allem welche Rolle der öffentlichen Berichterstattung zukommt. Denn dieser Artikel zeigt exemplarisch auf, wie Medien den Ausbruch von immer wiederkehrenden Tierseuchen normalisieren und relativieren. Außerdem muss hierbei die ungefilterte Masse an Medienberichten hinterfragt werden, die uns tagtäglich begegnet - und Medien, Interessenverbände und die Industrie eine stark speziesistisch geprägte Sprache unhinterfragt immer weiterverbreiten. Denn gerade der 'RBB' als eine der wichtigsten Medieninstanzen in der Region Berlin/Brandenburg, füttert seine bunte Leserschaft regelmäßig mit einer Vielzahl an ähnlichen Artikeln, in denen die Lebensrealität von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren durch die Verwendung von speziesistischer Sprache falsch konzeptualisiert wird.  

Artikel: ‘Viehhalter besorgt über Ausbruch der Geflügelpest’

 

Verschleierung und Beschönigung mittels Sprache

Gerade im Kontext des Sterbe- und Tötungsprozesses von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren, werden zahlreiche beschönigende Begriffe verwendet, die die dramatischen Bedingungen hinter dem Tötungsakt jener Lebewesen sprachlich verschleiern sollen. Zu Beginn des Artikels ist die Rede vom 'Verenden' und 'Keulen' der wirtschaftlichen be-/genutzten Tieren. Mit den Begriffen 'Verendung' und 'Keulen' soll vor allem sprachlich verheimlicht werden, dass diese getötet/umgebracht wurden und sterben mussten, weil - was ausgeblendet und wie bereits vorab angesprochen in keinem Teil des Artikels erwähnt wird - die unwürdigen Haltungsbedingungen von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren die Verbreitung von Krankheiten und Seuchen begünstigen. Was sich genau hinter dem Begriff 'Keulen' verbirgt, ist dramatisch: Denn das 'Keulen' von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren bedeutet nichts anderes als die prophylaktische Tötung von gesunden Tierbeständen. Der Schutz jener Tiere wird also auch hier den ökonomischen Interessen des Menschen vorangestellt, während gesunde Lebewesen massenweise getötet werden (vgl. Salzborn 2007:206). Würden wir die Begriffe 'Verenden' mit 'Tötung', und das 'Keulen' mit 'Ermordung' von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren ersetzen, würden wir endlich eine Sichtbarkeit für die Realität von jenen Lebewesen auch durch Sprache erzielen. Gleiches gilt für den Begriff 'Kadaver': Würden wir von '(Tier)Leichen' sprechen, die 'ermordet' und nicht 'gekeult' werden, würden wir jene Tiere nicht mehr durch Sprache abwerten und so die (auch) durch Sprache konstruierte Distanz zum (Be)Nutzungs- und Tötungsakt dieser Tiere aufbrechen (vgl. Fill 1993:107; Köhler 2005:152, Mütherich 2009:79,80, Mahlke 2013:45-48). 

zu den Begriffen ‘tierhalter:in’ und ‘Landwirt:in’

Auch die Bezeichnungen ‘Tierhalter:in’ und ‘Landwirt:in' werden häufig in Medien, Politik und Wirtschaft unreflektiert verwendet. Und doch implizieren diese Begriffe besonders auf assoziativer Ebene ein problematisches Bild der 'Haltung' von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren. Tierhalter:in’ und ‘Landwirt:in’ sind beschönigende und fehlleitende Bezeichnungen, da die Interessen aus der Landwirtschaft häufig mit den Bedürfnissen von nichtmenschlichen Tieren gleichgesetzt werden - was problematisch ist, den viele Landwirt:innen halten gar keine Tiere. Deshalb sollte der Begriff ‘Landwirtschaft‘ nur in Bezug auf landwirtschaftliche bzw. ackerbauliche Betriebe verwendet werden – und nicht in Bezug auf wirtschaftlich be-/genutzte Tiere. Denn zumeist werden jene Tiere in Betrieben gehalten, bei denen überhaupt kein Land bewirtschaftet wird. Der Begriff ‘Landwirt:in’ ist darüber hinaus negativ einzuordnen, weil er den Anbau von Pflanzen mit der Mast und Haltung von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren gleichsetzt (vgl. von Gall 2020:56-58). Würde als Alternative für diese Begriffe, die Bezeichnung 'Tier(be)nutzer:in' im öffentlichen Sprachgebrauch etabliert, würde die verdrängte Realität der Gewalt- und Tötungshandlungen gegen nichtmenschliche Individuen durch Sprache sichtbarer werden.  

Das Framing von ‘Tierwohl’ und ‘Nutztieren’

Auch gegen Ende des Artikels wird ein weiterer Begriff verwendet, der in engem Zusammenhang mit der Debatte um die Tiernutzungsindustrie steht: Der Begriff 'Tierwohl', der jedoch ebenfalls irreführend ist - dafür sind die Agrarlobby und Politik verantwortlich, indem diese den Begriff nutzen und diese in einem bestimmten Deutungsrahmen setzen. Diesen Vorgang wird in den Sprachwissenschaften als Framing  bezeichnet. Denn übergeordnete Begriffe oder Metaphern sollen beim Framing "einen Sachverhalt in ein von den Urheber:innen gewünschtes positives oder negatives Bild rücken." (zitiert nach von Gall 2021:19). Der Begriff 'Tierwohl' wird seitens der Tier- und Agrarindustrie und der Politik als Marketinginstrument benutzt, um das Leben von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren in ein positives Bild zu rücken: Denn mit dem Begriff 'Tierwohl' wird auf die Idee des 'Wohlbefindens' hingedeutet. Betrachtet man jedoch die Definition von 'Tierwohl' wird deutlich, dass das Gegenteil der Fall ist: "Erstens meint 'Tierwohl‘ bzw. animal welfare entgegen der spontanen sprachlichen Assoziation eben nicht einen positiven Zustand oder das gute Leben, sondern kann einen „guten“ oder „schlechten“ Zustand beschreiben" (von Gall 2020:42). Der Begriff 'Tierwohl' wird also äußerst manipulativ eingesetzt, da dieser in Wahrheit in den meisten Fällen nur geringfügig weniger Tierleid bedeutet. Der Begriff 'Tierwohl' sollte hinterfragt und dem Umstand entsprechend mit 'weniger Tierleid' oder 'mehr Tierleid' ersetzt werden. 

Ein üblicher Frame, der sich in allen Bereichen der Kommunikation über wirtschaftliche be-/genutzte Tiere finden lässt, ist der Frame dieser Tiere als ökonomische Produkte. Indem diese als sogenannte 'Nutztiere' bezeichnet werden, wird suggeriert, dass diese nur zum ökonomischen Nutzen des Menschen existieren - wobei überhaupt nicht hinterfragt wird, wieso überhaupt ein Tier zum Nutzen des Menschen da sein sollte - noch ob dies das Tier überhaupt möchte (vgl. von Gall 2020:81). Eine weitere weit verbreitete Strategie um Distanz zum Haltungs- und Tötungsprozess von wirtschaftlich be-/genutzten Tieren herzustellen, ist diese als vereinheitlichte Masse zu porträtieren, abstrahiert in Zahlen und kategorisiert als 'Stück' oder 'Geflügel'. Anhand der Kategorisierungen dieser Lebewesen, die ebenfalls auf die ökonomische Nutzbarmachung jener durch den Menschen zurückgeht, werden die Millionen Tiere zu einer entindivualisierten, stummen Masse (vgl. Mahlke 2013:41-43).

LITERATUR UND QUELLEN ZUM NACHLESEN


Hagendorff, Thilo: Was sich am Fleisch entscheidet. Was sich am Fleisch entscheidet. Über die politische Bedeutung von Tieren. Marburg 2021.

RBB24: “Viehhalter besorgt über Ausbruch der Geflügelpest.” Verfügbar unter: 
https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2021/04/gefluegelpest-gefluegelwirtschaftsverband-vogelgrippe-impfung.html, Zugriff am 04.08.2021. 
Salzborn, Claudia: "Panik statt Vorsorge. Der Umgang mit dem Risiko „Vogelgrippe“ und die Auswirkungen auf die Tiere." In: Agrarbündnis e.V. (Hrsg.): Der kritische Argarbericht 2007, S. 206-210. Verfügbar unter: https://www.kritischer-agrarbericht.de/fileadmin/Daten-KAB/KAB-2007/Salzborn.pdf
Schmidt, Götz: "Tierseuchen. Politik mit der Angst." In: Agrarbündnis e.V. (Hrsg.): Der kritischer Argrabericht 2007, S.47-52. Verfügbar unter: https://www.kritischer-agrarbericht.de/fileadmin/Daten-KAB/KAB-2007/Schmidt.pdf.
Von Gall, Philipp: Schönfärberei statt Fakten: Die Kommunikation des Bundesagrarministeriums zur Nutztierhaltung in Deutschland. Foodwatch e.V. (Hrsg.). Berlin: 2021.
 
Von Gall, Philipp: Animals' Angels: Tiere nutzen. Ein kritisches Wörterbuch. Animals Angels e.V. (Hrsg.). Frankfurt: 2020.
Wissenschaftliche Dienste: Ausarbeitung. Zoonosen in der Tierhaltung. Deutscher Bundestag (Hrsg.): Berlin 2020. Verfügbar unter: https://www.bundestag.de/resource/blob/709482/19485c96e154b0413bab0b7b5ff7ad3a/WD-5-070-20-pdf-data.pdf.